Reiserücktrittsversicherung: Was muss man beachten, gerade als älterer Mensch mit Vorerkrankungen oder chronischen Erkrankungen?

Reiserücktrittsversicherung: das Kleingedruckte

Nach den (Oster-)Ferien ist vor den Ferien. Da Urlaubspläne oft lange im Voraus "geschmiedet" und Reisen gebucht werden, boomen auch die Reiserücktrittsversicherungen, denn bis zum Start in den Urlaub kann vieles passieren, was den Reiseantritt unmöglich macht. 


Worauf kommt es beim Reiserücktritt an?

Anknüpfungspunkt ist beim Reiserücktritt wegen einer Erkrankung immer die unerwartete schwere Erkrankung, die eine planmäßige Durchführung der Reise unzumutbar macht.


Wann liegt eine unerwartete schwere Erkrankung vor?

Man könnte daran denken "unerwartet" mit nicht vorhersehbar zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses gleichzusetzen. So einfach ist es aber nicht. 

Wie sieht es z.B. mit bekannten Tatsachen aus, etwa einer Vorerkrankung, die sich verschlimmert oder einer chronischen Erkrankung? 

Nicht Voraussetzung ist, dass der Versicherte zuverlässig mit einer Heilung oder Besserung hat rechnen können.

Es reicht aus, wenn dem Versicherten aufgrund von Symptomen und Beschwerden die Erkrankung deutlich wurde oder hätte deutlich werden müssen, dass er für die geplante Reise nicht reisefähig ist.

Die entscheidende Frage ist, ob der Versicherungsnehmers aus seiner subjektiven Sicht mit einer Verschlechterung des Leidens bis zu dem für die Reisefähigkeit maßgebenden Termin rechnet. 

Die Voraussehbarkeit ist bereits dann zu bejahen, wenn der Versicherte nach allgemeiner Lebenserfahrung nicht verlässlich mit der planmäßigen Durchführung der Reise rechnen kann.

Entscheidend ist gegebenenfalls, welche Informationen dem Versicherungsnehmer und der versicherten Person durch behandelnde Ärzte konkret gegeben worden sind.

Chronische Erkrankungen, wie z.B. Bluthochdruck, die aber medikamentös gut eingestellt sind, sind nicht als schwere Erkrankungen anzusehen. Verschlimmert sich dann nach Versicherungsabschluss der Zustand unerwartet und macht die Reise unmöglich, ist dieser Einbruch als unerwartete schwere Erkrankung anzusehen.

Bei schubweisen Verläufen, wie z.B. multipler Sklerose, ist ein neuerlicher Schub der Erkrankung nicht unerwartet, da mit diesem Verlauf gerechnet werden muss. 


Beispiele aus der Rechtsprechung

OLG Celle, Urteil vom 03.12.2018, Az.: 8 U 165/18

Bei einer Durchfallerkrankung erheblicher Ausprägung ( überfallartig und ohne Vorwarnung) mit der Notwendigkeit, jederzeit eine Toilette aufsuchen zu können, muss die Reiserücktrittsversicherung leisten. Entscheidend sei das Vorliegen einer krankheitsbedingten Symptomatik, die den Reiseantritt unzumutbar erscheinen lasse. Auf eine konkrete ärztliche Diagnose komme es nicht an.

LG Nürnberg-Fürth, Hinweisbeschluss vom 03.11.2014, Az.: 8 S 4293/14

Bei Beziehungsproblemen mit Symptomatik, die der behandelnde Arzt aber nicht zum Anlass weitergehender Diagnostik und anschließender Therapie nimmt, fehlt es am Nachweis einer unerwartet schweren Erkrankung.

AG Wiesbaden, Urteil vom 17.12.2013, Az.: 93 C 2924/12 

Kleinerer Tumor in der Bauchspeicheldrüse, der sich nach medizinischer Abklärung als gutartig erweist, rechtfertigt es nicht davon auszugehen, dass keine unerwartete schwere Erkrankung vorlag, wenn zum Reisezeitpunkt eine Operation und stationäre Behandlung erforderlich wird.

OLG Koblenz,  Urteil vom  22. 1. 2010, Az.: 10 U 613/09

Eine unerwartet schwere Erkrankung kann gegeben sein, wenn dem Versicherungsnehmer nach Reisebuchung bekannt wird, dass er wegen eines akuten Bandscheibenvorfalls operativ behandelt werden muss, unabhängig davon, dass er schon vor Buchung längere Zeit unter Rückenschmerzen litt.


Praxistipp:

Für die Frage einer unerwarteten Erkrankung kommt es auf die subjektive Kenntnis des Versicherten an.

Entscheidend ist, welche Informationen dem Versicherungsnehmer oder dem Versicherten durch die behandelnden Ärzte gegeben wurden und wie konkret aus seiner subjektiven Sicht die Erkrankungsgefahr war.

Ob dann das medizinische Risiko infolge von Vorerkrankungen objektiv erhöht war, spielt dann eine Nebenrolle (so BGH, Beschluss vom 21. 9. 2011, Az.: IV ZR 227/09).

Dementsprechend kommt es bei Vorhandensein einer Krankheit im Zeitpunkt des Vertragsschlusses darauf an, ob mit Wahrscheinlichkeit die Fortdauer oder die Verschlechterung des Leidens bis zu dem für die Reisefähigkeit maßgebenden Zeitpunkt zu erwarten ist.

Haben Sie gesundheitliche Beschwerden, akut/chronisch/Vorerkrankungen, dann lassen Sie sich vom Arzt bescheinigen, dass einer Reise nach ... (Ort, Land) aus ärztlicher Sicht zum Zeitpunkt der Befundung nichts entgegensteht.

Die Angabe des Reislandes kann entscheidend sein: Bei einer Herzerkrankung mag eine Reise in gemäßigte Klimazonen unproblematisch sein, eine Reise in tropische Regionen oder den Himalaya aber nicht.  

Damit schaffen Sie eine Faktenlage, die Ihr subjektives Empfinden im Hinblick auf eine gesundheitliche Gefahrenlage zum Zeitpunkt des Reiseantritts stützen kann.


Fortsetzung folgt am 06.05.2019: "Die Reiseabbruchversicherung"